Perfektion ist langweilig
Es sind letztendlich die kleinen Unebenheiten, die das Gesamtbild zu etwas Besonderem machen …
Bei genauerer Betrachtung erinnert so mancher Blick ins Badezimmer an einen Streifzug durch Doktor Frankensteins Labor. Da liegt eine Wimpernzange zwischen Antifaltencremes, die Lotion mit extra Bräunungseffekt bildet einen interessanten Kontrast zur Whitening-Zahnpasta und neben dem Waschbecken steht das Shampoo für dünner werdendes Haar. Eigentlich nur konsequent, schließlich hängen im Kleiderschrank auch die Bauchweg-Hose sowie der lieb gewonnene Push-up-BH.
Nur die nötigste Grundausrüstung.
Schließlich gilt es jeden Morgen, Augenringe zu kaschieren, Pickel zu überschminken, die Haare in eine annehmbare Form zu bringen, Fettpölsterchen geschickt zu verstecken und dem eigenen Ich einen frischen, jugendlichen und dynamischen Anstrich zu verpassen. Die Grundsubstanz, die uns zur Verfügung gestellt wird sollte doch möglichst perfekt aussehen. Und das ist verdammt schwer, denn immerhin erheben wir uns täglich mit derart vielen Makeln aus dem Bett, von denen wir ablenken müssen. Die Zähne, die ganz und gar nicht an ein strahlendes Hollywood-Lächeln erinnern wollen. Das Dekolleté, dem es eindeutig an Masse fehlt. Die Frisur, deren plattes Erscheinungsbild unsere Hamsterbacken erst recht zur Geltung bringt anstatt sie sanft zu umschmeicheln. Die breite Nase, die schmalen Lippen, Sommersprossen, das zu schmale Kinn, zu kleine Augen, zu große Augen, hohe Stirn, niedrige Stirn – das Desaster schreit nach Abhilfe.
Denn was schön ist, zeigen uns die Medien.
Glaubt man dem Fernsehen, Zeitschriften und Plakaten, scheint es auf diesem Planeten nur schlanke Frauen mit gleichmäßigen Gesichtszügen, makellosem Teint und engelsgleichem Zahnarztlächeln zu geben. Ideale, denen das eigene Spiegelbild einfach nicht entsprechen will – denen wir aber nahekommen können. Wie, das lassen uns die freundlichen Damen natürlich sofort wissen, indem sie ihre Zaubermittelchen zur Cellulitisbekämpfung und Hautreinigung selbstlos in die Kamera halten. Sollte sich das eigene Problem als schwerwiegender erweisen, bleibt konsequenterweise der Gang zum plastischen Chirurgen. Auch kein ungewöhnlicher Akt – zeigen uns doch einschlägige Sendungen und Berichte, dass ein bisschen Botox oder Silikon quasi Wunder wirken kann und sich eine Operation notfalls sogar in die Mittagspause legen lässt.
Vielleicht wird es Zeit für eine neue Sichtweise.
Das gilt nicht nur für die Medien, sondern ebenso – beziehungsweise speziell – für die vermeintlich makelbehaftete Frau. Wer nämlich seine Augen über den Tellerrand hinausschickt, dürfte schnell merken, dass dieser Wandel in Ansätzen bereits stattgefunden hat. Perfektion gehört in vielen Bereichen längst zu einer aussterbenden Gattung. Die Werbung setzt verstärkt auf Normalität und Charaktergesichter. Film-, Fernseh- und Musikindustrie suchen nach Einzigartigkeit. Es zählt der Widererkennungswert, nicht die glattgebügelte Oberfläche ohne Struktur.
Ein Trend, der schon immer da war.
Wir haben nur verlernt, ihn zu erkennen. Das Merkmal ist unter der Flut an Idealen schleichend zum Makel geworden. Sind wir doch mal ehrlich: Was wären Madonna ohne ihre Zahnlücke, Brigitte Bardot ohne ihre grauen Haare oder Julia Roberts ohne ihren breiten Mund? Sie wären austauschbar. Langweilig und beliebig. Und ist es tatsächlich das, was wir sein wollen? Ein Gedanke, der uns das nächste Mal, wenn wir unser Bad betreten und gestresst vor all den Cremetöpfchen und Schminktiegeln stehen, eventuell die nötige innere Ruhe verleiht, das Bauchweg-Höschen an diesem Tag ausnahmsweise im Schrank zu lassen.